Vom Mut zu Springen

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9. Juni 2022

Veröffentlicht am 6. Juni 2022 auf LinkedIn

Der junge Mann auf dem Foto brauchte Stunden bis er endlich sprang. Seine Freunde sprangen in dieser Zeit vielfach und mit Begeisterung von der Mauer in die Lagune. Der Mut zum Springen im beruflichen Kontext ist auch durch unsere Herkunft geprägt. Paul erzählt hier über seine (Bergmanns-)Familiengeschichte und wie sie seinen beruflichen Weg wesentlich beeinflusst hat.

„Arbeitest du richtig oder bist du nur im Büro?“

So in etwa lautete vor vielen Jahren die Nachfrage einer alten Dame nach dem Inhalt meiner beruflichen Tätigkeit. Damals arbeitete ich als Betriebsingenieur für ein Stadtwerk. Das ist lange her, aber es hatte mich berührt und ich habe es nicht vergessen.
Ich komme aus einer Bergmannsfamilie und das prägt fürs Leben. Arbeiten tut man mit den Händen und im besten Fall macht man sich dabei schmutzig und schwitzt ordentlich. Mein Vater war Bergmann und meine beiden Großväter auch. „Geh uff die Grub, dann beschde gudd unner.“ So lautete der gut gemeinte Rat meiner Eltern (auf saarländisch), nachdem ich mit sechszehn Jahren das Gymnasium verlassen hatte und mir eine Lehrstelle suchte. Der Bergbau war damals einer der attraktivsten Arbeitgeber im Saarland – neben der Stahlindustrie. Der oben zitierte Satz bedeutet: „Geh in den Bergbau, dort kannst du bis zur Rente bleiben.“ Diese Vorstellung gefiel mir nicht. Der Bergbau auch nicht. Schnell drückte ich während meiner Lehre als Industriemechaniker – abends nach der Arbeit – nochmal die Schulbank. Mein Ziel: Ingenieur werden und was anderes machen. Irgendwas mit Umwelt, alternativer Energie oder so. Die Möglichkeiten, sich über Berufe genauer zu informieren waren in den 80ern – verglichen mit heute – extrem bescheiden.
Nach dem Abitur in Abendform blieb ich noch ein wenig im Bergbau und verdiente mir zusätzliches Geld für mein Studium, das ansonsten nur mit Bafög zu finanzieren war. Meine Eltern hatten mir bereits eine Lehre ermöglicht und das wars dann auch. Ein Studium an einer öffentlichen Hochschule war eine völlig fremde Welt für sie. Es gab noch eine mehr oder weniger private Bergbau-Ingenieurschule: „Das wäre doch eine prima Möglichkeit!“, meinte mein Vater. Nicht für mich, denn das wäre mit Verpflichtungen einhergegangen. Ich wollte für alle Zeit völlig frei in der Wahl meines Berufsweges sein. Und dann kündigte ich meine bis zur Rente vermeintlich sichere Stelle im Bergbau. Einer meiner älteren Kollegen sagte damals bei meinem Abschied: „Ich bete für dich.“ Damit meinte er wohl, die Welt da draußen sei gefährlich. Mein Vater besorgte mir mit seinen guten Beziehungen – natürlich in guter Absicht – noch ein Rückfahrticket, falls das mit dem Studium nicht funktionieren sollte.

Ich sprang das allererste Mal.

Ich studierte erfolgreich und ohne Gebete mit Auszeichnung, arbeitete in den Semesterferien bei Audi und BMW auf Montage und konnte damit und mit Bafög (auf 100% Pump) mein Studium der Versorgungstechnik finanzieren. Anfang der 90er, als ich mein Studium beendet hatte, war klar, dass einige Jahre später die ersten Gruben schließen werden. Das Ende des Bergbaus war bereits beschlossene Sache. Und ein Rückfahrticket hätte ich sowieso nicht gewollt.

Nach meinem Studium zog es mich als junger Ingenieur dorthin, wo es spannend war und ich etwas lernen konnte. Mein Start war in der keramischen Industrie bei Villeroy & Boch. Meine Eltern verstanden irgendwann nicht mehr, was ich überhaupt mache und was Versorgungstechnik eigentlich ist. Wenn ich ein etabliertes Unternehmen verließ und in ein anderes wechselte, verstand niemand in meiner Familie, wozu das gut sein sollte. Jahre später kündigte ich nach zehn Jahren meine Stelle als technischer Leiter bei einem Stadtwerk. Ich bin sicher, ich könnte heute noch dort arbeiten. Doch dann hätte ich hunderttausend Dinge nie erfahren und gelernt. Ich bin froh für jeden Neuanfang, den ich gewagt habe. Insgesamt waren es in 30 Jahren fünf an der Zahl. Als ich mich vor ein paar Jahren selbständig machte, kam ich für meine Mutter – mein Vater ist vor einigen Jahren verstorben – gefühlt „auf die schiefe Bahn“. Damit kann sie bis heute nichts anfangen. Sie hat Erinnerungen an Menschen, die mit ihrer Selbständigkeit fulminant gescheitert sind. Im Bergbau konnte das jedenfalls nicht passieren.

Solche familiäre Prägung zeichnet fürs Leben. Der Weg in die Selbständigkeit ist mir schwergefallen, denn ich verlor damit viel Sicherheit. „Was, wenn es schief geht? Was, wenn die Aufträge ausbleiben? Was, wenn…?“, waren quälende Fragen, die mir ständig durch den Kopf gingen. Irgendwann bin ich gesprungen. Für mein Leben und vor allem meine Lebensfreude war das die beste berufliche Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Und auch mein Sprung aus größter Höhe. Käme ich aus einer Unternehmerfamilie, wäre mir dieser Sprung gewiss sehr viel leichter gefallen.
Die aktuelle Ausgabe der #brandeins zeigt eine sehr interessante Statistik, zur unternehmerischen DNA unterschiedlicher Generationen:

So viele Deutsche können sich vorstellen, selbst unternehmerisch tätig zu werden:
GENERATION Z 18-24 Jahre: 77%
MILLENIALS 25-40 Jahre: 65%
GENERATION X 41-56 Jahre: 54%
BABYBOOMERS 57-75 Jahre: 38 %

Ich gehöre zur letztgenannten Gruppe und wundere mich nicht über diese Zahlen. Ich arbeite regelmäßig mit Studenten, Start-Ups und Entrepreneuren im Rahmen von Workshops an der Universität des Saarlandes. Dann staune ich immer wieder aufs Neue über die Unbeschwertheit, den Mut und die Begeisterung für neue Wege und das Thema „Gründen“. Gründen gehört heute zu einer neuen Kultur, es wird gefördert und unterstützt und wer es als junger Mensch wagt, findet eher Anerkennung und Begleiter, als Miesmacher, die einem im Weg stehen und den Mut nehmen.
In meinem frühen Umfeld gab es fast nur Arbeiter- und keine Akademikerfamilien. Die Welt des Studierens war in Arbeiterkreisen eine unbekannte Galaxie mit vielen Gefahren. Es ist gut, dass auch die Bildung in unserer Gesellschaft eine längere Evolution hinter sich hat und dass sich heute für die meisten Menschen gute Möglichkeiten bieten. Studieren ist schon lange nicht mehr elitär. Gut so!
Die aktuelle gesellschaftliche Anerkennung des Gründens finde ich großartig. Ich bin auch schwer begeistert von dem Gründungsgeist der jüngeren Generationen Z und Y. Nicht zuletzt, weil viele davon mit ihren Ideen einen positiven Beitrag in der Welt leisten möchten. Vielleicht ist es das, was mir in der Arbeit mit diesen jungen Menschen so viel Freude macht: Dass sie es einfach versuchen und SPRINGEN.

Gehen Sie den ersten Schritt

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